DREADLOCKS!

Ich hatte mir geschworen, eines Tages würde ich mir Dreadlocks machen lassen. Warum auch nicht, es sind bloß Haare. Die wachsen wieder nach.

Für viele ist der Schritt sich zu verändern, ob es nun der eigene Körper oder einfach nur die Klamotten sind, völlig egal, sehr schwer. Durch ein bestimmtes Aussehen begeben wir uns in eine Nische, die oft mit Vorurteilen in Verbindung steht. Und jede Nische hat ihr eigenes Statement. Oder steh gar für eine politische Meinung.

Bei mir waren das nicht nur die Dreads, sondern auch mein Kleidungsstil. Ich trag gern im Frühjahr und Sommer Goa-Hosen (Pluder-, Harmes- oder auch Aladdin-Hosen genannt), lockere T-Shirts und Hoodies, im Winter gestrickte Pullis und bequeme Cargohosen, bequemes Schuhwerk, vieles davon Second-Hand. Dazu kommen die Dehner in den Ohren, das ein oder andere Tattoo. Da werden mir schon so manche Sprüche wie, „Ey, du Hippie.“ oder dergleichen entgegen geworfen. An mir prallen die ab. Aber viele nehmen sich solche Aussagen extrem zu Herzen. Ich bin jetzt natürlich auch noch auf der Nachhaltigkeitsschiene unterwegs, veränder in der Hinsicht mein Leben, besser gesagt unser Leben (meine Freundin beziehe ich da ja mit ein), und mache mir über ein alternatives Leben Gedanken. Das wirft natürlich ein sehr „grünes“ Licht auf mich. Aber warum auch nicht, ich mach mir da keine Sorgen drum. Mein Leben ist nicht das der Anderen, jeder darf so leben wie er/sie will. Ich würde mir nur wünschen, dass sich viel mehr Menschen Gedanken um unsere Umwelt machen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

So, also, seit August habe ich also meine Dreads, davor hab ich meinen Kleidungsstil verändert. Was ist mit meinem eigentlichen Ich. Das zeigt sich dadurch nur noch viel deutlicher. Ja, ich hebe mich von der Masse ab, bin anders. Aber auch das ist meine eigene Entscheidung und Lebenseinstellung.

Mir fällt aber dadurch auf, wie sehr wir uns von Vorurteilen und Ansichten der Allgemeinheit beeinflussen lassen. Nerds haben keine Freunde und Beziehungen, leben, obwohl sie schon erwachsen sind, noch zu Hause, Goths haben irgendwie alle was mit Satanismus am Hut, „normale“ Leute haben keine Hobbies, Menschen, die in Hip-Hop-Klamotten rumalufen, sind in Gangs unterwegs und fahren alle dicke Karren. Und so weiter und so fort. Wir stecken unsere Mitmenschen aufgrund ihres Aussehens in eine Schublade und blicken dabei nur auf die Fassade, die uns die Medien immer wieder so schön beleuchtet. Sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, warum sich jemand so kleidet, oder warum diese oder jene Musik eine Rolle in seinem/ihren Leben spielt, welche Beweggründe auch immer dahinter stecken mögen, steht mittlerweile sehr im Hintergrund.

Dabei erkenne ich, dass dieses Verhalten dazu führt, von den eigenen Macken und Makeln abzulenken. Zumindest kommt mir das so vor. Wer mir erzählen will, dem sei nicht so, sollte sich mal an die eigene Nase fassen. Auch ich werde auf meine Makel oder Macken aufmerksam gemacht, aber es spielt eine große Rolle wie ich damit umgehe. Ich mag keine perfekten Menschen. Die sind mir nicht geheuer. Wer zu glatt ist, hat meiner Meinung nach einiges zu verbergen. Perfekt gibt es nicht. „Perfekt“ ist eine Ansichtssache, genau wie das „Schön-Sein“. Es ist eine subtile und subjektive Eigenart einer Sache oder Person, die wir anziehend und als positiv empfinden. Das hat nichts mit Gepflogenheiten oder „Das gehört sich so.“ zu tun.

Die Aussagen, „Das gehört sich nicht.“ oder „Das gehört sich so.“ sind für mich keine Argumente. Für mich sind das Ausreden, wenn einem nichts Besseres einfällt. Und zweitens „gehöre“ ich mir selbst. Genauso wie die Aussage: „Das macht man so.“ Oder eben auch nicht. Wer ist „man“? Warum spielt dieser „Kerl“ so eine große Rolle in unserem Leben. Auch hier ist es wieder einfacher etwas zu verallgemeinern, als Dinge, Gegebenheiten oder Ansichten aus der eigenen Perspektive zu erklären oder verständlich zu machen. Vor allem ist es uns aber extrem wichtig, und darüber hab ich vor kurzem in einem Artikel in der Zeitschrift „Ö“ gelesen, gleichzeitig individuell zu sein, aber auch irgendwo dazuzugehören. Fast alle wollen raus aus der grauen Masse, aber selten trauen sich die Leute dann doch.

Kindern wird schon sehr früh beigebracht sich an die allgemein gültigen Regeln zu halten. Viele der Kleinen werden schon sehr früh geprägt, etwa mit Kinderklamotten der großen Modemarken, mit Spielzeug, mit elektronischen Geräten, aber auch schon im Verhalten. Regeln sind gut, Regeln haben meiner Meinung nach zum Großteil einen Sinn. Aber auch nur zum Großteil. Würden wir uns alle strikt an diese Regeln und Gesetze halten, und nicht weiterdenken, uns wandeln und anders verhalten, würde sich, in meinem Gedankengang, die Gesellschaft nicht weiterentwickeln. Wir hätten keine Erfolge in der Entwicklung neuer Techniken, Medizin, ja sogar Geschichten und Erzählungen mehr vorzuweisen. Denn sich strickt immer nur an das Gesetz zu halten würde doch auch bedeuten der Fantasie abzusagen. Und Kinder sind doch die fantasievollsten Persönchen die ich kenne. Sie bauen Burgen aus Decken und Möbeln, stellen sich anhand eines Holzbauklötzchens ein Flugzeug vor wie es durch den imaginären Himmel wirbelt, ein Blatt steckt voller Gesichter, sie lassen sich von ihren Teddybären oder Insekten aus dem heimischen Vorgarten die Geschichte der Welt erzählen, ohne dabei auch nur einen Moment daran zu zweifeln, dass das gar nicht geht.

Und Kinder haben manchmal die absurdesten Ideen, wie sie sich für den Schultag kleiden wollen. Farben, Formen, Muster, oder gar der viel zu große Rock der großen Schwester. Es ist völlig egal. Aber sie haben Spaß dran Neues auszuprobieren.

Ich finde, auszubrechen aus dem grauen Alltag, dem allgemeinen „Das gehört sich so.“-Prinzip ist eine Bereicherung fürs Leben. Ich komme so oft mit fremden Menschen ins Gespräch, finde dadurch neue Themen, für die nicht nur ich mich interessiere, und lebe einfach leichter. Den Schritt zu machen, anders zu sein, war auch für mich etwas beängstigend. Am Anfang. Aber mittlerweile muss ich sagen.

Ich hätte es nicht besser machen können.

Und so ganz nebenbei liebe ich meine Dreads. Und das, wofür sie stehen.

Freiheit. Meine Freiheit.

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