DAS GROSSE AUSMISTEN…

…dauert noch.

Warum dauert ausmisten so lang. Es braucht Zeit, Stärke, Mut und Rückendeckung um all das loszuwerden, was ich mir seit Jahren und Jahrzehnten auf meine Schultern geladen habe, sich in meinen Habseligkeiten, in meinem Kopf, angesammelt hat.

Ein großer Schritt war schon, mich von dem Ballast zu befreien, der mich mental und emotional runtergedrückt hat. Klamotten, Haushaltsgegenstände, Möbel, Kosmetik, Kleinzeug.

Ich geb‘ zu, ich bin manchmal echt faul. Und grade dann, wenn ich sowieso schon viel um die Ohren hab, fällt es mir schwer, mich auf’s Wesentliche zu konzentrieren. Hab‘ dann zu viele Tabs in meinem Kopf offen. Wie in meinem Browser manchmal. Ach hier, das is toll, oder das, muss ich mir merken.

Kreative Menschen, so sagt man ja, leben gern im Chaos. Kreatives Chaos ist auch gut, aber manchmal brauch‘ ich dann einfach diesen absoluten Rappel, um wieder mal Ordnung zu schaffen.

Die letzten Wochen ging das nicht. Umzug, Arbeitslosigkeit, Veränderung meines Ichs (äußerlich wie innerlich), der Tod von meinem Papa. Darüber hab ich ja auch schon was geschrieben.

– Aber ich muss etwas weiter ausholen, damit ihr versteht warum ausmisten so schwer ist: –

Immer mehr nimmt meine Abneigung gegen die Technik, die mich den ganzen Tag umgibt, zu. Auf der Arbeit, der Mac, das Smartphone neben dran, die Telefone auf dem Schreibtisch, die Werbeanzeigen, Leuchtreklamen, Radiosendungen, TV-Ads, um mich herum nur noch Leute, die wie süchtig auf ihr Smartphone, Tablet oder Netbook starren. Kommunikation mit Blickkontakt, nicht mehr vorhanden. Selbst die kleinen Racker haben schon diverse Spielzeuge auf elektronischer Basis in der Hand, im Mund…und reden nur noch über irgendwelche unsinnigen Fernsehsendungen, die von früh bis spät auf sämtlichen verfügbaren Geräten abgespielt werden. Youtube, Facebook, Twitter, Instagram. Ich kann die ganzen Plattformen, auf denen ich mich mit meinen Mitmenschen digital treffen und austauschen könnte, schon gar nicht mehr aufzählen. Ständig online sein. Das ist heute in. Irgendwelchen Fremden die Bewertungen aus der Nase ziehen, ein absolutes Muss. Ist das jetzt die neue Schiene, die jeder fahren sollte?

Die Uhr am Handgelenk ist mittlerweile eine Smart-Watch, oder wie die Dinger heißen. Das Fahrrad fährt mit Elektromotor, fotografieren lässt man sich nicht mehr von Freunden, ne, da muss jetzt das Deppen-Zepter (ach so, ‚Tschuldigung, das heißt ja Selfie-Stick) herhalten und Videos dreht man nicht mehr mit dem Camcorder, sondern mit einer Drohne. Musik kauft man sich im Internet, als MP3 oder FLAC – CD’s und Vinyl stehen immer seltener in den Regalen. Filme und Serien schaut man mit Netflix, Maxdome & Co., sonst ist man nicht „In“. „Wie, Du kennst die neue Serie von Netflix nich‘?“ „Ne, muss ich?“

Selten sehe ich Menschen, egal ob jung oder alt, tatsächlich noch mit einem Buch in der Bahn sitzen. Kindle’n, so würde ich mal die neue Art zu lesen ausdrücken. Bücher? Wozu brauch ich’s in schwerer Papierform, wenn ich locker über drei dutzend Bücher gleichzeitig digital mit mir herumtragen kann.

Also überleg‘ ich mir, welchen Technik-Kram hab‘ ich Zuhause, was brauch‘ ich davon wirklich. Kann’s raus? Dann raus, weg damit. Ab in die Tonne. Manchmal würd‘ ich auf so manchen Sachen gerne rumhüpfen, ’s gegen irgendwas hauen, damit’s definitiv kaputt is, Schrott draus machen, einfach mal ein bisschen was von den wallenden Emotionen in mir raus lassen.

Ewig währender Hass breitet sich so langsam in mir aus. Vor allem, wenn ich dann auch noch mitbekomme, dass Eltern teilweise, so hoffe ich doch, mit Sarkasmus oder Ironie, oder wie ich nicht hoffen will, mit absolutem Ernst, bescheuerte Antworten auf die Fragen ihres wissbegierigen Nachwuchses antworten.

„Mama, wo kommt die Milch denn eigentlich her?“ „Aus dem Tetra-Pak, siehste doch!“

Ernsthaft?

Sind das mittlerweile die Antworten, mit denen die Kleinen aufwachsen müssen? Nur weil’s einfacher und schneller ist? Kinder, die im Alter von zehn Jahren aufwärts, nicht wissen, was eine Kuh oder ein Schwein ist, oder diese Tiere noch nie in Realität gesehen, oder sogar angefasst haben, tun mir leid. Draußen spielen, Fehlanzeige. Nur wenn die PSP oder das Smartphone mit raus darf.

Ich erinner‘ mich so gern an die Sommerferien, oder die Freizeit nach den Hausaufgaben, raus gehen, ab in die Natur, Neues entdecken, sich eindrecken, von oben bis unten, lachen, erforschen, Dinge bauen. Nach Hause kommen, wenn die Sonne untergeht, die Klamotten schmutzig, die ein oder andere Schramme am Knie oder Kinn, aber das geht morgen schon wieder. Weil am nächsten Tag, da geht’s wieder raus!

Lebensmittel bestellt man sich online per Lieferservice nach Hause in einer Kiste, am Besten schon vorausgesucht mit Rezept, damit man auch ja für echt teures Geld daheim zwei Portionen zu Essen machen kann. Zwei Portionen. Für ein Drittel des Geldes mach ich einen ganzen Pott Spaghetti Bolognese und werd‘, zusammen mit meiner Freundin, die ganze Woche von satt.

Wir kaufen mittlerweile das ein, was wir wirklich essen und brauchen. Und das ist in der Tat nicht viel. Das merkt man spätestens beim Bezahlen an der Kasse. Wobei ich sagen muss, gemütlich über den Markt zu schlendern und einzukaufen, das is so entspannend, so genial. Die frische Luft, die Düfte überall. Hach ja, sich Zeit nehmen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Punkt. (kommt bestimmt weiter unten)

Dann ist da dieser Berg an Müll. Ja, ich meine den Müll, der normalerweise schön getrennt in den dafür vorgesehenen Abfalleimern landet. Berge, BERGE an Müll. Egal wo ich hinsehe, ich seh‘ nur noch Müll, Schrott, Abfall, Wegwerfartikel, Einwegware. Ich war letztens auf der Zeil unterwegs. Ich hätte schwören können, ich bin nur noch von Hohlbirnen, Deppen, Hirnverbrannten umgeben. Alle hetzen irgendwie von A nach B, futternd, trinkend, rauchend, neu Geshopptes zeigend. Und zwischendrin liegt auf der Straße Müll. Dreck. Oder sogar neue Klamotten & Co, sogar noch mit Etikett, die irgendwelchen Hektiker in aller Eile irgendwie haben fallen lassen. Sich nicht mehr darum kümmernd, dass sie grad was verloren haben. Schnell weiter. Stress pur. Mülleimer benutzen, um was wegzuwerfen? „Ach was, sind die Dinger dazu echt da? Ja, also, das hab ich ja noch nie gesehen.“ Manchmal glaub ich echt, 99% der Menschen in einer Großstadt vergessen, was es bedeutet seinen Unrat, Müll, Dreck, Abfall, einfach mitten auf der Straße fallen zu lassen und nicht sauber wegzuräumen.

Diese Wut, die derzeit in mir hochkommt, wenn ich durch die Stadt laufe und mich umsehe. Dieser Hass auf meine Mitmenschen. Ehrlich. So kannte ich mich bis jetzt nicht. Ja, es gibt auch immer noch Menschen, die denken wie ich, die sich engagieren, die sich ebenfalls darum kümmern, dass unsere Welt etwas besser wird, oder zumindest nicht schlechter. Aber die große Masse? Der ist doch alles egal. Natur, Umwelt, die Erde. „Ach, die kann das ab.“ Moah! Ewig währender Hass!

Natürlich kann ich nicht die ganze Welt verändern, das seh‘ ich ein. Aber darf man denn nicht auf einen Funken Verstand bei so manchen hoffen? Ist es denn zuviel verlangt, dass die Mehrheit einfach mal einen Schritt weiter denkt? Ich glaub‘ echt ich verlang von anderen viel zu viel. Auch das ist eine Art ausmisten. Die Idioten auszublenden, zu ignorieren. Mir nich‘ mehr die Bauchschmerzen geben, die ich wegen der ganzen Dummheit und Egozentrik anderer bekomme.

Von klein auf werden wir getrimmt, geformt, eingetrichtert, wir „müssen uns dem System anpassen, das gehört sich so.“ Was gehört sich so. Mit dem Älterwerden prozentual das Hirn zu verlieren? Das Ego bis zum Platzen aufzupumpen, nur um dann zu bemerken, dass außer heißer Luft nichts rauskommt?

Geld. Alles dreht sich nur noch um dieses beschissene Zahlungsmittel. Wenn man keine sechshundert Euro für ein Handy ausgibt is‘ man arm. Fährt man nicht in die Karibik in den Urlaub, is man langweilig. Und zockt man nicht auf der neuen PS4 hat man eh keine Ahnung. Geld, Moneten, Knete, Mäuse, Asche, Zaster. Wie ich es hasse. Alle wollen immer sofort jeden Cent von einem, aber wehe man bekommt selbst mal was zurück. Ich bin auf die Banken stinkend wütend, die mit meinem Geld irgendwas anstellen, das ich eigentlich nicht unterstützen will, aber eh keine Übersicht oder Einsicht darauf habe, was genau mit meinem Geld passiert. Und diese beschissenen Geldgeier dürfen sich auch noch jedes Recht rausnehmen, das sie grad brauchen. Mir stinken die Superreichen, mich kotzen diese neureichen Schnösel an, es reicht mir einfach. Verreckt doch alle an eurem Geld. Ich finde es toll, wenn Leute, die dafür hart und normal arbeiten gehen, auch entsprechend entlohnt werden, sich damit ein Haus finanzieren und eine Familie gründen können. Aber ich kann diese narzisstischen Aasgeier nimmer sehn, die dann auch noch alles Andere in den Arsch geschoben bekommen, ohne dass sie auch nur einen Finger krumm machen müssen.

Und nun zum letzten Punkt. Der Zeit. Zeit verrinnt, dagegen können wir Nichts machen. Aber wir können uns mehr Zeit nehmen. Mal nicht bis zum Abwinken in der Arbeit sitzen und Überstunden machen, auch mal Nein sagen, wenn wieder jemand einen Teil dieser Zeit beanspruchen will. Den Stress und die Hektik runterschrauben bis zu einem kribbelnden Niveau, das uns wach hält. Diese hektische Gesellschaft geht mir auf den Zeiger.

Abschalten, runterdrehen, ruhiger werden. Sich auf die innere Stimme konzentrieren. Auch mal auf den kleinen Teufel auf der Schulter achten. Der weiß manchmal tatsächlich, was uns gut tut.

– Ende des Ausschweifens –

Also ist Ausmisten nich‘ nur was, das den Kleiderschrank, die Küche oder den Keller betrifft. Das fängt bei uns im Kopf an, oder besser gesagt bei mir im Kopf. Den ganzen Rotz mal raus aus der Birne holen. Die Ignoranten ignorieren. Die Egozentriker mal links liegen lassen. Den Modebewussten mal zeigen, was Bewusstsein bedeutet. Den Sarkasten und Humorlosen das Lachen beibringen. Den Klugscheißern mal die realen Fakten um die Ohren hauen. Den Pessimisten mal mit optimistischer Glaubwürdigkeit entgegen treten. Den Nachahmern mal zeigen, was es heißt individuell und kreativ zu sein. Den „Alleskönnern“ mal den Wind aus den Segeln nehmen.

Aber vor allem, mir selbst treu zu bleiben.

Dann ist mal wieder der Kleiderschrank, die Küche, der Keller und alles andere dran, was Zeug von damals und heute beherbergt. Alles raus, was Staub fängt, mit dem Alter nich‘ besser wird. Die schwedischen Pressspan-Möbel gegen was aus Vollholz tauschen.

Umräumen, gemütlicher werden.

Einfach mal so richtig den Mist raus schippen.

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